Blickrichtung Horizont: Emotionale Intelligenz in der Führung

Blickrichtung Horizont: Emotionale Intelligenz in der Führung

– Blickrichtung: Horizont –

Unser Thema heute:

Emotionale Intelligenz in der Führung

Stellen Sie sich vor, Sie als Führungskraft übertragen eine Aufgabe an Ihre Mitarbeiterin Pia. Es ist eine wichtige Aufgabe und sie muss unbedingt heute noch erledigt werden. Mittags erkundigen Sie sich bei Pia wie der Stand der Aufgabe ist. Diese erwidert Ihnen gereizt, dass sie noch nicht fertig ist und es heute wohl auch nicht mehr schaffen wird. Sie sind verwundert, denn Pia hatte den ganzen Vormittag Zeit dafür und ist auch sonst immer sehr zuverlässig.

Was könnten Sie übersehen haben?

Schauen wir uns den Tag von Pia einmal an. Sie hat momentan zuhause ziemlichen Stress mit Ihrem Mann und ist deshalb heute sehr nah am Wasser gebaut. Kaum ist sie bei der Arbeit angekommen, macht ein Kollege wahrscheinlich gut gemeinte Witze über sie, die sie aber ziemlich treffen. Zudem steht heute noch das wichtige Feedbackgespräch an, wegen dem sie schon seit Wochen nervös ist. Und dann sitzt ihr auch noch eine wichtige Deadline im Nacken. Ihr ist das alles so schon zu viel und in diesem Moment kommen Sie, ihre Führungskraft, dazu und werfen ihr noch eine weitere wichtige Aufgabe, die sie „mal eben schnell“ machen soll, auf den Tisch.

Können Sie verstehen, warum Pia die Aufgabe nicht geschafft hat?

Es ist erst Mittag und Pia hat emotional schon eine Menge hinter sich. Emotionen sind für uns alle ein ständiger Begleiter bei der Arbeit, seien diese positiv oder negativ. Alle Ereignisse des Tages beeinflussen, wie wir uns an unserem Arbeitsplatz fühlen. Dies wiederum bestimmt auch wie wir uns verhalten, wie motiviert wir sind und welche Leistung wir erbringen.
Die Fähigkeit sowohl eigene als auch fremde Emotionen erkennen und deuten zu können, ist für eine Führungskraft sehr wichtig. Und natürlich auch das Wissen, wie diese entstehen und wie man angemessen damit umgehen kann. Auch in der Wissenschaft findet sich das Thema wieder. Einen detaillierten Überblick über Forschungsergebnisse geben beispielsweise die beiden Experten Pundt und Venz in ihrem Artikel von 2016 und versuchen so zu beantworten wie Emotionen im Führungsprozess erkannt, verstanden und gesteuert werden können.
Derartige Fähigkeiten werden auch als emotionale Intelligenz bezeichnet.

Warum ist emotionale Intelligenz für Führungskräfte wichtig?
Unsere Emotionen beeinflussen unser Verhalten, unsere Motivation und unsere Leistung. Kann eine Führungskraft die Emotionen der Mitarbeitenden besser erkennen und einschätzen, worauf diese möglicherweise zurückzuführen sind, kann sie eingreifen. Ob als Unterstützung  bei der Bewältigung oder bei der Behebung der Ursachen – so kann es einer Führungskraft gelingen Demotivation entgegenzuwirken.

Woran können Emotionen erkannt werden?
Der Gesichtsausdruck, das Verhalten und die Körpersprache sind wichtige Ansatzpunkte, um zu erkennen, wie sich jemand fühlt. Um zu verstehen, warum sich jemand so fühlt, kann es helfen, Fragen zu stellen, die Perspektive der Person einzunehmen und die Situation aus einer anderen Sicht zu beurteilen.

Wie können Führungskräfte selbst auf die Emotionen ihrer Mitarbeitenden einwirken?
Das Verhalten der Führungskräfte selbst kann bei den Mitarbeitenden Emotionen auslösen: Ein ungerechtfertigtes negatives Feedback kann zu Verärgerung führen, ein Lob hingegen stolz machen und motivieren. Auch die Gestaltung der Arbeitsbedingungen kann sich auf die Emotionen auswirken. Zeitdruck und Überlastung können zu Überforderung und Frustration führen. Die Übertragung von Verantwortung und Unterstützung kann motivieren und zu Freude führen.

Welche Rolle spielen die Emotionen der Führungskraft?
Auch die eigenen Emotionen der Führungskraft können die Mitarbeitenden beeinflussen. Hat die Führungskraft schlechte Laune und zeigt dies auch, werden auch die Mitarbeitenden in kürzester Zeit schlecht gelaunt sein. Die Emotionen grundsätzlich verstecken und ständig ein Pokerface aufsetzen, sollte man deshalb aber nicht, denn auch positive Emotionen, wie Begeisterung für eine Aufgabe, können übertragen werden.

Wie kann die Führungskraft beim Umgang mit Emotionen unterstützen?
Bemerkt eine Führungskraft, dass ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin beispielsweise demotiviert oder traurig wirkt, kann sie Unterstützung anbieten und helfen, mit den negativen Emotionen umzugehen. Je nach Ursache der Emotionen kann die Unterstützung beispielsweise in Form von aktivem Zuhören geschehen, durch Anpassung des Führungsverhaltens oder der Arbeitsbedingungen.

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Schauen wir auf die Situation mit Pia.

Ihnen fällt auf, dass Pia zusammengesunken in ihrem Stuhl sitzt, nervös auf den Tisch klopft, ständig auf die Uhr schaut und sehr gehetzt wirkt. Als Sie ihr eine weitere große Aufgabe für den Tag übergeben, reagiert sie gereizt und bricht fast in Tränen aus.

Sie bieten ihr an, ein kurzes Gespräch zu führen und versuchen zu klären, ob alles in Ordnung ist. Durch aktives Zuhören und Perspektivübernahme kommen Sie den Ursachen von Pias schlechter Stimmung auf die Spur. Durch ein kurzes Lob oder eine Aufmunterung könnten Sie die Sorge um das wichtige Feedbackgespräch nehmen. Durch Klärung der Prioritäten und Erfragen der Situation, realisieren Sie, dass Pia absolut keine Ressourcen mehr übrig hat. Deshalb übertragen Sie die Aufgaben, wenn möglich, jemand anderem und nehmen Pia somit den Zeitdruck.

Allein die Tatsache, dass Ihnen auffällt, dass etwas nicht stimmt, dass Sie Verständnis signalisieren und Unterstützung anbieten, kann ein gutes Gefühl vermitteln.

Kann die Führungskraft alles kontrollieren?
Selbstverständlich gibt es hierbei auch Grenzen für die Führungskraft. Nicht alles, was die Mitarbeitenden am Tag fühlen oder erleben, kann auf die Führung zurückgeführt werden. Private Probleme wirken sich ebenfalls auf die Stimmung am Arbeitsplatz aus, ohne dass die Führungskraft darauf Einfluss nehmen kann oder sollte. Führungskräfte müssen deshalb auch akzeptieren können, dass sie die Emotionen ihrer Mitarbeitenden nur bedingt steuern können.

Quellen:

Pundt, A., & Venz, L. (2016). Emotional intelligent führen-Emotionen im Führungsprozess erkennen, verstehen und steuern. In Handbuch Mitarbeiterführung (pp. 317-327). Springer, Berlin, Heidelberg.